DREI MÄNNER, EINE IDEE – DIE ANFÄNGE DER MODERNEN FREIMAUREREI

Am Beginn der modernen Freimaurerei stehen drei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten: ein Prediger, ein Naturforscher und ein einflussreicher Adliger. Gerade diese ungewöhnliche Verbindung macht deutlich, wofür die Freimaurerei bis heute stehen kann: für das Zusammenführen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, geistiger Traditionen und Weltanschauungen.

Als sich 1717 vier bereits bestehende Londoner Logen zu einer Großloge zusammenschlossen, prägten vor allem James Anderson und John Desaguliers deren geistige Grundlagen. Anderson, ein schottisch-presbyterianischer Prediger, gilt als offizieller Verfasser der sogenannten „Alten Pflichten“. Diese 1723 veröffentlichten Regeln wurden zu einer wesentlichen Grundlage der Freimaurerei und besitzen bis heute große Bedeutung. John Desaguliers soll Anderson bei ihrer Abfassung maßgeblich unterstützt haben.

Schon die Verbindung dieser beiden Persönlichkeiten ist bemerkenswert: Hier der Geistliche, dort der Naturforscher. Religion und Wissenschaft erscheinen nicht als unversöhnliche Gegensätze, sondern als unterschiedliche Wege der Erkenntnis.

Desaguliers verkörperte diese Verbindung sogar in seiner eigenen Person. Er war nicht nur Geistlicher der anglikanischen Kirche, sondern zugleich ein angesehener Wissenschaftler. Für seine Forschungen zur Elektrizität wurde er von der Royal Society ausgezeichnet. Zudem war er mit Isaac Newton befreundet und unterstützte ihn bei seinen Experimenten.

Ergänzt wurde dieses ungewöhnliche Gründerbild durch John, Herzog von Montagu. Er gehörte zu den reichsten und einflussreichsten Männern Englands, war Mitglied der Royal Society und wurde der erste adlige Großmeister der englischen Freimaurer. Mit ihm erhielt die junge Großloge gesellschaftliches Gewicht und öffentliche Anerkennung.

Ein Geistlicher, ein Forscher und ein Adliger stehen somit sinnbildlich am Anfang des bis heute bestehenden Großlogensystems. Ihre Zusammenarbeit überwand Standesgrenzen und vermeintliche Gegensätze. Sie wirkt beinahe wie ein programmatischer Entwurf für eine Gemeinschaft, in der Herkunft, Beruf und Weltanschauung nicht trennen müssen.

Passend dazu warnen die „Alten Pflichten“ sowohl vor engstirnigem Gottesleugnen als auch vor einem bedingungslosen Freigeist. Gemeint ist kein fertiges Weltbild, sondern die Bereitschaft, selbstständig zu denken, andere Überzeugungen zu achten und die eigene Haltung immer wieder zu überprüfen.Denn aus freimaurerischer Sicht ist die Entwicklung eines Menschen niemals abgeschlossen. Das Ideal bleibt ein Ziel, dem man sich Schritt für Schritt nähert. Vielleicht liegt gerade darin die zeitlose Botschaft der Freimaurerei: Nicht die Vollkommenheit macht den Menschen aus, sondern die Bereitschaft, an sich zu arbeiten – und den Weg selbst als Teil des Zieles zu begreifen.